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„Das Gespenst einer Einheitszeitung in ganz Deutschland…“

Gefahren geplanter Kartellrechtsänderungen und die Strategien von Medienkonzernen

„Das Gespenst einer Einheitszeitung in ganz Deutschland…“

Ein Gespräch mit Martin Dieckmann, ver.di-Landesbezirksfachbereichsleiter Medien, Kunst und Industrie Hamburg und Nord, über die Entwicklung in deutschen Zeitungskonzernen

Die Nachrichten von Personalabbau, Zusammenlegungen von Redaktionen, Betriebsspaltungen, Betriebsschließungen im Zeitungsbereich ebben nicht ab. Sie alle ergeben scheinbar einen Flickenteppich. Aber gibt es darin und dahinter vielleicht eine ganz neue und im Sinne der publizistischen Vielfalt ausgesprochen gefährliche Entwicklung? Anlässlich aktueller Entwicklungen hat uns dazu Martin Dieckmann in einem Gespräch einen Einblick in die Hintergründe gegeben. Das Gespräch führte Frank Schischefsky.

Zentralisierung  der Vielfalt

Der Madsack-Konzern schmilzt Redaktionen zusammen, es gibt mittlerweile in allen relevanten Zeitungskonzerne sogenannte Zentralredaktionen; und aus den Verlagsbereichen kommt eine Hiobs-Nachricht nach der anderen: Erneut Umbau- und Entlassungspläne in Lübeck und Rostock, zuletzt die Entlassung der Hälfte der Belegschaft der Bergedorfer Zeitung, und dazu noch der flächendeckende Kahlschlag in der gesamten Funke-Medien-Gruppe. Was ist da Not, was ist da Strategie?

Martin Dieckmann, ver.di Landesbezirksfachbereichsleiter Medien, Kunst und Industrie Hamburg und Nord Martin Dieckmann Martin Dieckmann

Martin Dieckmann | Die Öffentlichkeit, aber auch die Beobachter in Redaktionen, schauen unmittelbar auf das, was im journalistischen Bereich geschieht. Das ist auch richtig, aber es erklärt noch nicht die ganze Dimension des Umbaus der Medienkonzerne, soweit sie maßgeblich das Zeitungsgeschäft bestimmen. Was die Redaktionen betrifft, so erkennen wir hier neue Entwicklungen, wenn man genauer hinschaut: Zuerst hatten wir den Schritt, dass alles, was nicht regionalen Bezug hat, bundesweit in Zentralredaktionen gebündelt wird.

Die regionalen Einheiten sollten sich auf ihre Themen konzentrieren, die bundesweiten Themen sollten zentral in einer Redaktion gebündelt werden. Nun gibt es hier aber Hinweise auf etwas, das man schon früher erwarten oder befürchten konnte: dass nämlich diese Zentralredaktionen irgendwann dazu übergehen, zu kooperieren, Inhalte auszutauschen oder sogar ganze Themenfelder komplett beim Wettbewerber einzukaufen.

Aber wie soll das funktionieren? Man kann doch nicht in mehreren Zeitungen gleichzeitig, überregional, dieselben Artikel an die Leserinnen und Leser bringen.

Martin Dieckmann | Das funktioniert sogar ganz hervorragend. Denn bis auf wenige Ausnahmen, ist der Zeitungsmarkt in sich ziemlich wettbewerbsarm. Der überregionale Zeitungsmarkt – das sind: Süddeutsche Zeitung, FAZ, die Frankfurter Rundschau, auch die taz – ist ein recht schmaler Markt, was die überregionale Berichterstattung betrifft.

Ein Vielfaches davon kommt aber in der regionalen Presse an, und die ist weitgehend regional monopolisiert, auch wenn es an den Rändern dieser Monopole natürlich Wettbewerb oder auch intime Abgrenzungsabsprachen gibt. Nur wer von Region zu Region reist und sich dann auch noch für Regionalzeitungen interessiert – und das dürfte ein sehr kleines Klientel sein – sieht dann, wie man Autoren erkennt, die man schon gestern anderswo gelesen hat.

Welche Zentralredaktionen haben da derzeit das Sagen?

Martin Dieckmann | Das ist sehr übersichtlich. Es gibt eine Zentralredaktion des Madsack-Konzerns, eine weitere des Funke-Konzern (woher auch das Hamburger Abendblatt Artikel bezieht) und es gibt die Zentralredaktion des DuMont Schauberg Konzerns, die jetzt – so sagen es Mediendienste – mal bei den anderen, vor allem Funke, anklopft, um Artikel aus bestimmten Themenbereichen, worin mach eher schwach ist, einkaufen will. Daneben gibt es natürlich noch die ganze eigene Struktur von Axel Springer, die aber in der regionalen Presse keine so große Rolle spielt – aber sicherlich einmal spielen kann. Sozusagen als potenter Zulieferer.

 

Zentralisierung der Verlagseinheiten

Nun werden aber auch alle diese Konzerne durchzogen von dauernden Umstrukturierungsprozessen. Das geht eher unter: Unglaublich viele Entlassungen, Teilbetriebsschließungen, auch Schließung ganzer Betriebe. Davon hört man eher wenig, weil die Redaktionen davon nicht betroffen sind.

Martin Dieckmann | Das ist die Mystagogie des Managements. Das bekommen die Konzerne bislang wunderbar hin – so zu tun, als würden Konzentrationsprozesse in den Verlagsbereichen keine Auswirkungen auf die Publizistik haben. Das Gegenteil ist der Fall. Das muss man aufklären.

Wir haben ja immer nur Informationen, dass da etwas hier und dort geschieht – in Zahlen ausgedrückt betrifft es unglaublich viele Menschen, aber es geschieht sozusagen immer im Stillen, in kleinen Einheiten.

Martin Dieckmann | Genau. Es gibt eine sehr klare Logik in diesen Umstrukturierungsprozessen in den Verlagsbereichen, und die sind nicht einfach eine Analogie oder Parallele zu dem,, was in den Redaktionen geschieht – es ist ein und derselbe Prozess. Genau das muss man aufklären. Wir müssen da zwei Phasen der Umstrukturierung unterscheiden. Zunächst wird an jedem Standort unterschieden: Was gehört zum Lokalen und Regionalen, was muss da bleiben?

Da ist einerseits das Lokale – was enorm wichtig für das Überleben der Tagespresse wird – und das Regionale in der Publizistik. Und dazu gehören dann auch die kaufmännischen Bereiche, die sich direkt vor Ort und in der Region um Abonnenten, Käufer kümmern. Und, klar, auch die lokalen Unternehmen, die Anzeigen schalten. Alles andere kann man zentralisieren, alles, was nicht ortsgebunden ist, kann man konzentrieren in einem einzigen Prozess, einem „Workflow“, der ortsunabhängig ist.

Also alles in einem zentralen Konzernunternehmen, einem Betrieb, der da in Köln oder Hannover oder Essen – je nachdem, wo die Zentrale sitzt – das alles bündelt?

Martin Dieckmann | Das kann so sein, ist aber nicht zwingend so. Die Logik sagt etwas anderes: Jeder Geschäftsprozess ist ein eigenes Unternehmen oder wird einem eigenen Unternehmen zugeordnet. Das ist dann kein lokales Unternehmen, sondern ein bundesweites, und das hat diesen und jenen Standort, und zwischen diesen Standorten entbrennt dann das Hasenrennen um die niedrigsten Kosten.

Welche Größen haben denn dann diese Betriebe dieser einzelnen Unternehmen?

Martin Dieckmann | Das kann mal größer, in der Regel aber extrem klein sein. Wir sprechen da von Größenordnungen von teilweise 3-15 Beschäftigten an einem Standort. Daneben gibt es dann natürlich auch große Einheiten irgendwo – beispielsweise die Erledigung von Aufgaben der klassischen Mediengestaltung – in Thüringen für die Bergedorfer Zeitung. Oder ein Kundenservice-Center für einen vor allem im Rheinland tätigen Konzern in Halle.

Wie sieht es dann mit der Mitbestimmung aus?

Martin Dieckmann | In der Regel – dunkel. Werden die verlagstypischen Bereiche vor Ort auch als Betriebe eines Unternehmens ausgegliedert, handelt es sich um Mini-Betriebe und damit auch um Mini-Betriebsräte, wenn es nicht gelingt, den Betriebsrat des verbleibenden Verlagshauses vor Ort zum Betriebsrat für die Beschäftigten dieser Unternehmen durchzusetzen.

 

Zentralisierung über die Konzerngrenzen hinaus

Wenn man so will, handelt es sich hierbei ja sozusagen um die Infrastruktur der Publizistik. All diese Tätigkeiten sind darauf gerichtet, dass die Zeitungen auch – zumindest regionale – Zeitungen bleiben. Sind da nicht die Verlagsangestellten „Bauernopfer“ für die Pressevielfalt?

Martin Dieckmann | Im Gegenteil – es ist ein und dasselbe. Es gibt nicht nur eine Parallele zwischen Redaktionen und Verlagen, es nicht nur ein und derselbe Prozess. Er greift viel weiter über das hinaus, was wir uns bislang an Konzern-Umstrukturierungen, Sanierungen usw. vorstellen können. Was sozusagen in der Infrastruktur der Verlage derzeit geschieht und was sich im Weiteren andeutet, ist eine gravierende Verschiebung innerhalb der gesamten Publizistik im wirklich breite Geschäft – der regionalen und lokalen Berichterstattung.

Das musst du aber etwas genauer erklären.

Martin Dieckmann | Gern. Es geht hier darum, dass wir in einer ersten Phase erleben, wie die Konzerne alles nach demselben Strukturprinzip – das Lokale bleibt vor Ort, das Allgemeine wird rationalisiert – ordnen. Da es durchweg Konzerne sind, die längst das Schrumpfen der lokalen und regionalen Märkte akzeptiert haben und da sie darüber hinaus erheblich Kosten für Investitionen für die sogenannte digitale Transformation haben, kommen sie langsam an die Grenzen der Verschlankung.

Das ist die zweite Phase des Umbaus: Die Konzerne fangen damit an, zentrale Prozesse nicht nur im eigenen Konzern zu zentralisieren, sondern sie suchen die Kooperation mit den anderen Konzernen. Genauso wie das Ansinnen, dass eine Zentralredaktion mal ein bisschen bei der anderen einkauft. Genauer gesagt, gibt es mittlerweile ganz eigene Märkte, in denen die Konzerne miteinander abgleichen, ob die anderen es nicht doch ein bisschen günstiger machen.

Mag sein, dass viele den Satz und bestimmte Produktionsbereiche für kaum noch relevant halten  – diese werden sich eines Tages noch wundern! Allein das Wandern von Kunden-Service-Centern, also die Adressen, wo die Abonnenten anrufen, um sich zu beschweren oder Änderungen anzukündigen, zeigt, wie weit die Reise geht. Die kann nämlich von Kiel über Hannover bis nach Halle oder Erfurt gehen.

Das sind nun aber Bereiche, die irgendwie ja ortsungebunden sind – wie wirkt sich das auf die Publizistik aus?

Martin Dieckmann | Nun ja, innerhalb der Ökonomie eines Verlages oder eines Medienkonzerns hat ja die Publizistik längst den Schaden…

 

Wirtschaftliche Abhängigkeit der Redaktionen

Warum, wenn die Aufgaben klar verteilt sind?

Martin Dieckmann | Wenn man einmal ökonomisch – und so denken nun mal Verleger als  Unternehmer – hinschaut, dann muss man fragen: Wer schafft was in der Wertschöpfung eines Verlages? Auf der kaufmännischen Ebene ist das ziemlich einfach: Der marktnahe Vertrieb „macht“ Abonnenten oder hält sie wenigstens bei der Stange. Die Anzeigenverkäufer holen den anderen Teil der Erlöse hinein. Was aber schafft die Redaktion? Das ist, ökonomisch, eine merkwürdige Größe: Leserinnen und Leser. Das sind aber noch keine Käuferinnen und Käufer.

Erst die kaufmännischen Abteilungen machen aus dem Gebrauchswert der Zeitung einen in Geld umsetzbaren Wert. Jahrelang hingen die Redaktionen durch, weil die Reichweite der Tageszeitungsartikel sank. Seit einigen Jahren ist das anders. Da gibt es Steigerungen, aber im Wesentlichen cross-medial: Immer mehr Menschen lesen Zeitungsartikel, aber offenkundig vor allem online. Daraus Geld zu generieren, ist nicht Aufgabe der Redaktion. Sie „liefert“ – kaufmännisch gesprochen – Reichweiten. Und diese Reichweiten können sich mittlerweise sehen lassen.

Dann sind doch die Redaktionen die Starken!

Martin Dieckmann | Ja und nein. Sie liefern das, was das Zeitungsgeschäft braucht. Aber sie haben keinen eigenen Umsatz. Ihr Ergebnis rechnet sich nicht kaufmännisch. Die Reichweite ist allenfalls ein Wert für die Anzeigenpreise, aber durch Social Media, die neuen Endgeräte – Tablett oder Smartphone – ist die Werbung eingeschränkt. Anders gesagt: In der Konstellation, in der man  Verlag und Redaktion trennt – und das ist klar die Ansage der vorherrschenden Konzerne – sind die Redaktionen nicht mehr oder weniger als Content-Lieferanten, sozusagen Zulieferer für das kaufmännische Geschehen.

Je mehr eine Ausdifferenzierung der Arbeitsprozesse, die klassisch im Bild des einen Verlages zusammengehörten, zu Trennungen von den Redaktionen führen, wird die Verhandlungsposition der Redaktionen enorm geschwächt. Am Ende betteln sie um’s Budget.

 

Der GAU, auch für die Redaktionen – die geplante Kartellrechtsänderung

Dann bliebe das Spannungsfeld: kaufmännische Vermarktung und das Marketing vor Ort oder in der Region; andererseits die besondere Abhängigkeit der Redaktionen von den Konzern-Strategien.

Martin Dieckmann | Ja, das ist der Zustand derzeit: Man verallgemeinert – und verwässert damit – die Inhalte überregionaler Art, die Leute in den Verlagen verlieren massenhaft Jobs, wenn sie nicht gerade ortsgebundene Aufgaben habe. Aber dabei bleibt es nicht. Uns droht viel Schlimmeres. Und das durch den erneuten Versuch, das Kartellrecht auszuhebeln. Kommt das durch, wäre das der GAU, auch für die Redaktionen.

Worum geht es bei der Kartellrechtsänderung?

Martin Dieckmann | Es gibt im Kartellrecht eine besondere Presseklausel, die besagt, dass Fusionen ab einer bestimmten Umsatzgröße – unterhalb der sonst geltenden Umsatzgröße im Kartellrecht – ihre Fusionspläne anmelden und kartellrechtlich prüfen lassen müssen. Man muss dazu sagen, dass diese Pressefusionsklausel seit Mitte der1970er das bis dahin große Zeitungssterben wirklich verhindert hat. Doch darum geht es den Medienkonzernen nicht, denn sie erreichen fast alle die im Gesetz angegebenen Umsatzgrößen.

Schon vor zehn Jahren hat es die SPD versucht, jetzt kommt die Kopie auf den Markt: Unabhängig von allen anderen kartellrechtlichen Vorschriften sollen Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, in ihren Anstrengungen zur digitalen Transformation von den kartellrechtlichen Vorschriften befreit sein im Fall verlagswirtschaftlicher Kooperation.

Aber das hast du eben schon als derzeitigen Stand geschildert!

Martin Dieckmann | Nein, durchaus nicht. Denn ich habe nur die Bereiche in den Verlagen genannt, die interne Prozesse vollziehen, und das greift nun langsam aber immer deutlicher auf die Kooperation mit anderen Verlagen über. Worum es in der kartellrechtlichen Perspekive geht: Es gibt überhaupt keine Grenzen mehr, denn auch die orts- und regionalgebundenen Aktivitäten – das Abo-Geschäft, der Anzeigenverkauf usw. – könnten mit dem Alibi des Wettbewerbs mit digitalen Angeboten komplett der Fusion freigegeben werden. Übertragen auf Regionen wie Schleswig-Holstein und Hamburg wäre das eine Katastrophe. Ganz zu schweigen von den Freibriefen, die hier der Gesetzgeber Großverlagen wie Bertelsmann (z.B. Gruner + Jahr), Burda und Bauer gibt.

Und die Auswirkungen auf die Redaktionen?

Martin Dieckmann | Wenn man zurückgeht auf das, was ich zur Schwächung der Redaktionen in der neuen Prozesskette der Wertschöpfung in Medienkonzernen gesagt habe, ist das alles eine einzige Katastrophe. Wird einmal die Zauberbüchse „digitaler Wettbewerb“ – worin ja potente Konzerne wie Axel Springer schon präsent sind – aufgemacht, sind Redaktionen bloße Bittsteller, Content-Lieferanten, deren kaufmännischer Wert sich ganz woanders realisiert, wenn überhaupt.

Man hat dann Vertriebs- und vor allem Vermarktungsgesellschaften, die mal Verlage waren, und Redaktionen, die in völliger Abhängigkeit von diesen nun fusionierten oder kooperierenden kaufmännischen Einheiten oder Plattformen leben. Ganz absurd die Perspektive: dass dann den Verlagen sogar die digitale Transformation gelingt  - wie bei Axel Springer: Immobilie-Vermaklung und Job-Börsen, und Redaktionen zu Nachrichtenagenturen „light“ werden: Nice to have or to have not…

Publizistisch wäre das der GAU

Martin Dieckmann | … Genau: das ist das Gespenst der Einheitszeitung für ganz Deutschland mit einem bunten Strauß an „regionalen Fenstern“.